Trauma und Traumapädagogik

von Olaf Stähli, 22.05.2020

TRAUMA

Einschneidende Ereignisse wie Schicksalsschläge, Belastungen und Überforderung sind Teil des Lebens, wir alle erleben sie. Viele Menschen sind trotz dieser Erfahrungen in ihrer Lebensqualität nicht oder wenig beeinträchtigt oder gewinnen daraus sogar mehr Lebensqualität. Andere Menschen hingegen sind durch diese Erfahrungen in ihrer Lebensqualität stark beeinträchtigt oder leiden unter einer Traumafolgestörung. 

Einige dieser einschneidenden Ereignisse, wie z.B. Gewalterfahrungen werden von der Gesellschaft als tiefgreifendes psychisches Trauma erkannt und auch als solches anerkannt. Es gibt aber auch viele Formen von Traumatisierungen, die nicht offensichtlich sind und trotzdem genauso tiefe Spuren hinterlassen und entsprechende Auswirkungen haben.

 

Ob ein einschneidendes Ereignis zu einer Traumafolgestörung führt oder nicht, hat zum Teil mit der Art des Ereignisses zu tun. Es hat aber auch damit zu tun, was nach dem Ereignis geschah – insbesondere damit, ob jemand das einschneidende Ereignis wahrnahm, ernstnahm und sich fürsorglich um den betroffenen Menschen kümmern konnte. Wenn man die Geschichten der Pflegekinder kennt, weiss man, dass gerade sie dieses Glück oftmals nicht hatten. Manchmal war sogar das Gegenteil der Fall. Derjenige Mensch, der sich fürsorglich um das Kind hätte kümmern sollen, vermochte es nicht, das Kind zu schützen oder war sogar Verursacher bzw. Verursacherin des Traumas.

 

Das Verstehen von Trauma* und dessen Auswirkungen ermöglicht es Pflegefamilien und Fachpersonen, von Trauma betroffene Pflegekinder nachhaltiger zu unterstützen. Dieses Verstehen bildet die Grundlage, um im Leben der betroffenen Pflegekinder einen wesentlichen Unterschied zu machen.

 

Trauma und die Folgen von Trauma zu verstehen, bedeutet unter anderem zu verstehen,

  • was neurobiologisch und psychologisch bei einer Traumatisierung geschieht;

  • warum gewisse Menschen durch einschneidende Erlebnisse scheinbar stärker und andere weniger betroffen sind;

  • warum solche Erlebnisse zu Beeinträchtigungen und Störungen führen können, aber nicht in jedem Fall auch tatsächlich dazu führen, 

  • wieso aus früheren Traumatisierungen auch Jahrzehnte später noch Beeinträchtigungen bestehen können,

  • wie diese Beeinträchtigungen (Folgestörung) neurobiologisch und psychologisch funktionieren, und

  • dass es viele Möglichkeiten gibt, förderliche Veränderungen und Entwicklungen zu bewirken.

 

TRAUMAPÄDAGOGIK

Um die Traumapädagogik zu beschreiben, bedienen wir uns in diesem Text des Bildes der Pflanzen und des Gartens. Dabei gehen wir von der Lebensweisheit aus, dass das Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht. Wir wissen, was passiert, wenn wir zu fest daran ziehen: Das Gras wird abgerissen oder entwurzelt. Übertragen auf die Traumapädagogik stellt sich deshalb die Frage, was wir tun können, um ein gesundes und vielfältiges Wachstum zu fördern.

 

Die Traumapädagogik baut auf der Psychotraumatologie, also dem Verstehen der Auswirkungen eines Traumas, auf und liefert so wertvolle Anhaltspunkte über die Gründe für Störungen. Bezogen auf unsere Metapher des Gartens beginnen wir zu verstehen, weshalb der Boden hier ausgetrocknet ist, dort versumpft, andernorts zu viele Steine hat und nebenan dennoch wunderbare Pflanzen wachsen. Wir erkennen den Überlebenswillen der schwachen Pflänzchen, die Kraft der heranwachenden Bäume sowie Schädlinge, die zugleich auch Nützlinge sind und vieles mehr. So verstehen wir auch, dass der Garten bzw. das Kind nicht krank ist, sondern dass frühere und aktuelle Belastungen und deren Folgen sichtbar werden (Entpathologisierung). Mit dem Verstehen der Komplexität von Traumata eröffnen sich in der Folge ganz neue Möglichkeiten. 

 

In der Traumapädagogik brauchen wir Hilfsmittel, Werkzeuge und viel Handarbeit; da geht es um Beziehung, Empathie, den guten Grund, den sicheren Ort, Partizipation, Achtsamkeit, Klarheit, Transparenz und mehr. Diese Werkzeuge sind nicht neu; sie bestanden bereits zuvor und werden in der Traumapädagogik ebenfalls genutzt. Die Traumapädagogik lehrt uns nun, wie wir diese mit Geschick und entsprechend dem Bedürfnis des Pflegekindes anwenden und kombinieren. Es gibt auch traumapädagogische Hilfsmittel und Werkzeuge, die aus der Psychotherapie und Traumaforschung abgeleitet und in der Erziehung bzw. Sozialpädagogik nicht oder wenig bekannt sind. So z.B. das Phänomen der Übertragung und Gegenübertragung, Selbstregulierung, das traumapädagogische Anwendungsmodell, Stabilisierung, Psychoedukation oder wie man mit Triggern (auslösende Reize) umgeht, die traumatische Erinnerungen hervorrufen. Metaphorisch gesprochen geht es zum Beispiel bei der Stabilisierung darum, ein Feuer so zu löschen, dass nicht gleich der ganze Garten überschwemmt. Oder eine Überschwemmung so einzudämmen, dass man selber nicht ertrinkt.

 

So sehen wir in der Traumapädagogik also nicht einen verwilderten, kranken Garten, dem nicht zu helfen ist, sondern einen Garten, der mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu wachsen versucht und dabei einen guten Grund hat, sich zu schützen und sich zu heilen. Wir sehen nicht ein manipulatives Kind, das nicht will und uns mit Absicht enttäuscht, sondern ein Kind, das aufgrund seiner schweren Belastungen alles in seinen Möglichkeiten Stehende tut, um im Leben zurechtzukommen – auch wenn dies im Moment nicht wirklich gut funktioniert. Meistens entdecken wir dann auch wieder Schönes, Tolles und Stärken. So machen wir uns dann zusammen mit dem Kind auf den Weg, den Garten zu erkunden, Neues wachsen zu lassen und im angepassten Tempo – ohne an den Pflanzen zu ziehen – nachhaltige Gestaltungen und Förderungen vorzunehmen. Dabei wenden wir auch neues Wissen und passende Werkzeuge an. Bald schon freuen wir uns über Veränderungen und sind froh, nicht mehr auf steinhartem Grund schaufeln und noch höhere Zäune bauen zu müssen. So fühlen wir uns auch vorbereitet und brauchen uns nicht vor möglichen Dürren, Überschwemmungen und Ähnlichem zu fürchten.

 

Die Traumapädagogik ist eng verwoben mit anderen Disziplinen wie der Bindungstheorie, Erziehungswissenschaften, Entwicklungspsychologie oder der Resilienzforschung. Auch humanistische Ansätze, wie z.B. die neue Autorität, Biografiearbeit oder Marte Meo passen gut zur Traumapädagogik. Die Traumapädagogik ist aus unserer Sicht der Ansatz, der traumatisierten Pflegekindern die grössten Entwicklungschancen ermöglicht – unabhängig davon, ob das Pflegekind starke, schwache oder gar keine Anzeichen einer Folgestörungen zeigt. Darum wünschen wir es allen Pflegefamilien, einen Zugang zur Traumapädagogik zu haben, sei dies durch Weiterbildung, Beratung und/oder durch Fachbegleitung.

 

Nun sind nicht alle Störungen auf Traumatisierungen zurückzuführen und die Traumapädagogik ist keine Wunderpille (nur eine wunderbare Pädagogik). Doch spätestens dann, wenn sich Anzeichen von Traumatisierungen durch die Symptomatik zeigen – z.B. hartnäckige Störungen und Auffälligkeit, bei denen sich trotz grossem Engagement keine Verbesserung zeigt oder die Störungen und Auffälligkeiten sich sogar verstärken – sollte die Traumapädagogik in Betracht gezogen werden. Weitere Hinweise auf eine Traumafolgestörung des Pflegekindes können starke Gefühle der Enttäuschung, Ohnmacht, Angst oder Gleichgültigkeit bei den Pflegeeltern oder/und im Helfersystem sein.

 

Sie erahnen möglicherweise, dass sich die Wirkungsweise und das Prinzip der Traumapädagogik nicht von heute auf morgen verstehen und umsetzen lässt, z.B. durch den Besuch eines Kurses oder das Lesen eines Buches. Viele Menschen, die sich mit der Traumapädagogik zu befassen beginnen, fühlen sich schnell beflügelt und motiviert. Viele merken dann aber auch, dass es gar nicht so einfach ist, wenn es um die Umsetzung geht. Man steht sozusagen mit einem Buch, der Schaufel und Pflanzensamen im Garten, dann kommt ein starker Wind und bläst die Samen weg, die Schaufel zerbricht an einem Stein und das Buch wird schmutzig. Nun gut, immerhin sind die Samen schon mal im Garten, ich habe gelernt, mit der Schaufel vorsichtiger zu hantieren – beim nächsten Mal frage ich das Kind zuerst, ob es o.k. ist, an diesem Ort zu schaufeln – und das Buch kann ich ja reinigen.

 

Es bleiben bei der Anwendung der Traumapädagogik oft Fragen und Unsicherheiten bestehen. Deshalb gehe ich in einem kurzen Exkurs auf methodische und didaktische Aspekte der Traumapädagogik ein.

 

ANGEWANDTE TRAUMAPÄDAGOGIK

Traumapädagogik ist per se eine angewandte Pädagogik. Und trotzdem liegt gerade in der praktischen Anwendung eine grosse Herausforderung. Trotz vorhandenem Theorieverständnis der Traumapädagogik und der Psychotraumatologie ist wie oben sinnbildlich beschrieben oft nicht klar, wie dieses Wissen nun in einer konkreten Situation, z.B. bei einer scheinbar überwältigenden Herausforderung, bei grossen Widerständen oder fehlenden Ressourcen anzuwenden ist.

 

Der Stolperstein in der Anwendung ist oft darin zu finden, dass der Fokus in der Praxis zu sehr auf einzelnen Handlungen oder auf dem kognitiven Verstehen liegt und darum die Methodik in ihrer Gesamtheit verloren geht.

 

Weiter ist Traumapädagogik auch eine Haltung. Haltung ist jedoch das Resultat eines Lern- und Entwicklungsprozesses und lässt sich nicht über blosses Theoriewissen vermitteln. Bis eine Haltung entstanden ist und wir wie von selbst traumapädagogisch handeln, braucht es Zeit, Übung und eine Orientierung an der Methodik.

 

Ein Ansatz, um den Lernprozess zur Entwicklung einer traumapädagogischen Haltung und zur kompetenten Anwendung zu fördern, besteht im Erwerb der drei wesentlichen traumapädagogischen Teilkompetenzen: der Wissenskompetenz, der Selbstkompetenz und der Handlungskompetenz. Wenn alle drei Kompetenzgruppen ausreichend vorhanden sind, wird es möglich, die Traumapädagogik in der Praxis vollumfänglich anzuwenden. Die Aneignung der drei Kompetenzgruppen geschieht somit in einem Lernprozess hin zur angewandten Traumapädagogik.

 

ZERTIFIZIERTE WEITERBILDUNG TRAUMAPÄDAGOGIK SIPT

Unsere Weiterbildung ist für Pflegeeltern und Fachpersonen in der Familienpflege konzipiert. Sie beruht auf der oben skizzierten Grundlage und wird dadurch sehr praxisnah. Ziel der Weiterbildung ist es, die Traumapädagogik nicht nur zu verstehen, sondern auch praktisch anwenden zu können. Die Theorie der Psychotraumatologie und der Traumapädagogik bildet dabei die Basis, auf die während des Lernprozesses fortwährend Bezug genommen wird. Gleichzeitig wird die Selbstkompetenz gefördert, Methodik vermittelt und die Handlungskompetenz durch viel praktische Fallbesprechungen und Übungen gefestigt. Diese Didaktik gewährleistet den Transfer auf die Handlungsebene.

 

Zurückkommend auf die Gartenanalogie nehmen wir uns Zeit, um viel über Biologie, Botanik, auch über Klimatologie und Landschaftsgestaltung zu lernen. Dann gehen wir mit Unterstützung und praktischen Tipps und Tricks in den Übungsgarten, dann in den eigenen Garten und zusammen mit dem Pflegekind in dessen Garten und machen etwas Schönes daraus.

 

 

*Ein psychisches Trauma ist ein belastendes Ereignis oder eine aussergewöhnliche Bedrohung, das (bei gleichen Gegebenheiten) bei nahezu jedem Menschen eine tiefgreifende Verzweiflung hervorrufen würde, von überwältigender Angst und Hilflosigkeit begleitet ist, geprägt ist von totalem Verlust der Kontrolle, des Vertrauens in sich und andere, der Hoffnung und der Geborgenheit, und jegliches Gefühl von Sicherheit und Gerechtigkeit zerstört. 

Schweizerische Fachstelle Pflegefamilie SFP

Hardstrasse 4, 8004 Zürich

info@fachstelle-pflegefamilie.ch, Telefon 044 585 12 35